Geschichte des Antikenmuseums

Das Antikenmuseum der Leipziger Universität kann auf eine mehr als 150jährige Tradition zurückblicken. Seine Geschichte ist unmittelbar verbunden mit der akademischen Lehr- und Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Klassischen Archäologie und den Gelehrten, die dieses Fach an der Universität vertraten. Aufgrund der Vielzahl nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ästhetisch und kulturgeschichtlich wertvoller Objekte aus nahezu allen antiken Kunstgattungen wurde das Museum von Anbeginn nicht nur als Studiensammlung, sondern auch zur öffentlichen Präsentation genutzt.

1735 bis 1836

Als Johann Friedrich Christ (gest. 1756) im Jahre 1735 mit seiner Vorlesung "antiquitates Romanas interpretabor" die archäologische Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig begründete, wollte er die Ausbildung nicht nur auf theoretische Abhandlungen beschränkt wissen. Um den Studierenden die unmittelbare praktische Anschauung antiker Denkmäler zu ermöglichen, legte er ihnen Münzen, Gemmen und andere Antiken aus eigenem Besitz vor. Ebensowenig wie die Universität besaß nicht jeder der Gelehrten nach Christ eine Antikensammlung, so dass man sich im Unterricht hauptsächlich mit Abbildungen von Antiken in Kupferstichwerken begnügen mußte. Mit dem Wachstum des Lehrfaches wurde die Einbeziehung von Abgüssen und originalen Antiken bei der studentischen Ausbildung immer unentbehrlicher. Nachdem sich 1834 eine "Antiquarische Gesellschaft" an der Universität konstituiert hatte, entschied das Ministerium, durch die Einrichtung einer Lehrsammlung, die Möglichkeiten dafür zu schaffen.

1836 bis 1846

Konviktsaal des Mittelpauliniums der Universität. Von 1840 bis 1843 erster Aufstellungsort der Archäologischen Sammlung.

Nach der Bereitstellung entsprechender Mittel konnte Wilhelm Adolf Becker (1796-1846) ab 1836 mit dem eigentlichen Aufbau einer Lehrsammlung beginnen. Die ersten Gipsabgüsse und griechischen Vasen, die 1840 in Leipzig eintrafen, fanden im ehemaligen Konviktsaal des Mittelpaulinums ein festes, wenn auch noch sehr provisorisches Domizil. Räumliche Verbesserung brachte drei Jahre darauf der Umzug in das von dem Architekten Adolf Geutebrück errichtete Fridericianum an der Schillerstrasse. Im Verlauf der Zeit um Räume benachbarter Grundstücke erweitert, entstand hier ein bereits repräsentativ zu nennendes Museum, von dessen Ausstattung wir in einer Beschreibung der archäologischen Sammlung aus dem Jahre 1859 eine gute Vorstellung bekommen. Obwohl als Lehrsammlung konzipiert, stand das Antikenmuseum seit seinem Gründungsjahr dem Publikum offen und begann somit über den universitären Kreis hinaus als öffentliche Einrichtung zu wirken.

1847 bis 1853

Friedericianum in der Schillerstraße. 1943 zerstört. Das Erdgeschoß beherbergte von 1843 bis 1881 die Archäologische Sammlung.

Mit dem Archäologen und Musikwissenschaftler Otto Jahn (1813-1869), der etruskische Altertümer, die ersten figürlichen Terrakotten, antike Bronzegeräte und archäologisch wichtige Abgüsse erwarb und damit den Grundstock einer soliden, sich ständig erweiternden Lehrsammlung schuf, fand die erste Phase des Aufbaus der Sammlung ihren Abschluß.

1853 bis 1895

Das von A. Geutebrück 1836 errichtete Augusteum mit der Paulinerkirche. Die Archäologische Sammlung bezog 1881 mehrere Räume und Säle an der Kirchseite.

Dem bürgerlichen Bildungsbewußtsein entsprechend widmete sich Johannes Overbeck (1826-1895) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorrangig dem Ausbau der Abguss-Sammlung. Deren wissenschaftliche Bedeutung als perfekte Dokumentation griechischer und römischer Plastik war ihm so wichtig, dass er auf den Erwerb von Originalen völlig verzichtete. Dichte Reihen von Abgüssen aus allen Gattungen und Perioden der Antike sollten eine historische Übersicht sämtlicher Phasen der Stil- und Formentwicklung bieten und zugleich einen Eindruck vom Schaffen einzelner Bildhauer und ihrer Schulen geben. Sein Vermächtnis ist die Schaffung einer monumentalen Lehr- und Schausammlung, die im Urteil der Zeitgenossen hinsichtlich ihrer Auswahl zu den besten Deutschlands gehörte. Der rasche Zustrom an Abgüssen ließ den Raum für die Antiken im Fridericianum bald zu eng werden. Im Alten, von Schinkel und Geutebrück errichteten Augusteum konnten sie 1881 in mehreren großen Ausstellungssälen kunstgeschichtlich geordnet eine neue Heimstatt finden.

1896 bis 1929

Das Antikenmuseum im Universitätssneubau von 1896. Vortragsraum im Oberlichtsaal vor 1909. Im Hintergrund Porträtköpfe und -statuen aus der Abguss-Sammlung.

Die nachhaltigste Prägung verdankt das Antikenmuseum Franz Studniczka (1860-1929). Wie sein Vorgänger setzte er den Ausbau der bewährten Abguss-Sammlung fort. In Lehre und Forschung verwendete er die Abgüsse besonders intensiv und zeigte sie in den sogenannten "Sonntagsvorträgen" einem interessierten und begeisterungsfähigen Leipziger Publikum. Ab der Jahrhundertwende erwarb Studniczka zunehmend wieder antike Originale. Neuerwerbungen und bedeutende Schenkungen in- und ausländischer Mäzene ließen das Leipziger Antikenmuseum binnen weniger Jahrzehnte zu einer der bedeutendsten Universitätssammlungen Deutschlands anwachsen. Zu Beginn seiner Amtszeit vollendet Studniczka den Umzug der archäologischen Einrichtungen in den großartigen historistischen Um- und Ausbau des Universitätskomplexes am Augustusplatz durch Arwed Roßbach. Hier an zentraler Stelle untergebracht, erlebte das mit mehreren großzügigen Ausstellungssälen sowie Depots und Werkstätten ausgestattete Museum seine größte Blütezeit.

1929 bis 1945

Das Antikenmuseum um Universitätsneubau von 1896. Blick in den von Bernhard Schweitzer um 1935 eingerichteten "Römischen Saal" mit den Marmororiginalen.

Herbert Koch (1880-1962) und Bernhard Schweitzer (1892-1966) führten die große Tradition des Antikenmuseums als erprobtes Instrument für Lehre und Forschung weiter. In der bereits unter Studniczka eigens zur Ergänzung antiker Skulpturen am Abguss eingerichteten Werkstatt entstand der wohl berühmteste Leipziger Gips, die Rekonstruktion der sogenannten Pasquino-Gruppe. Um 1935 richtete Schweitzer im Museum den "Römischen Saal" ein, in dem außer Marmorwerken und Kopien antiker Wandbilder zwei kostbare Mumienporträts ausgestellt waren. Letztgenannte fielen zusammen mit anderen nicht rechtzeitig ausgelagerten Originalen und dem größten Teil der Abguss-Sammlung dem Bombenangriff auf Leipzig vom Dezember des Jahres 1943 zum Opfer.

1945 bis 1968

Das Augusteum von Süden nach 1945. Im ersten Geschoss die ausgebrannten Ausstellungssäle der Abguss-Sammlung.

Nach 1945 wurden die ausgelagerten Originale zurückgeführt und aus den Trümmern der ausgebrannten Ausstellungsräume noch über 600 Gipsabgüsse geborgen. Im Zuge der Reorganisation der archäologischen Einrichtungen erfolgte 1955 die Wiedereröffnung des Museums im "Hellenistischen Saal", der als einziger den Krieg im wesentlichen unbeschadet überstanden hatte. Wenn auch im Rahmen der damals bescheiden gegebenen Möglichkeiten war es damit seiner ursprünglichen Bestimmung als Lehr- und Studiensammlung wieder zugeführt.

1968 bis 1990

Die gegen die "bürgerlichen Bildungsfächer" gerichtete sozialistische Hochschulpolitik und der sinnlose, politisch motivierte Abriss des Universitätskomplexes am Augustusplatz im Jahre 1968 führten zur Liquidierung des Lehramtes und zur Zerschlagung des Antikenmuseums als Studiensammlung und museale Einrichtung. Die einzigartigen Originalwerke griechischer und römischer Kunst und die historisch wertvollen Abgüsse wurden in Depots verbannt, wo sie nach Aufgabe der Restaurierungswerkstatt über Jahrzehnte hinweg ohne wesentliche konservatorische Betreuung ein Schattendasein führten. Alle Bemühungen der Betreuer, das Antikenmuseum wiederzubeleben und den beiden Sammlungen ein neues Zuhause zu geben, scheiterten. Die unter vielen Behinderungen und Einschränkungen fortgeführte Bearbeitung der Sammlungsbestände und temporäre Sonderausstellungen hielten das wissenschaftliche und öffentliche Bewußtsein an die großartige Sammlung aufrecht.

1990 bis heute

Erst nach der politischen Wende der Jahre 1989/90 und die anschließende Neustrukturierung der Universität wurde eine allmähliche Überwindung des Tiefpunktes der Leipziger Archäologie möglich. Dank der Zustimmung der Kulturstiftung Leipzig als Hausherrin erhielt die Originalsammlung 1994 im historischen Gebäude der Alten Nikolaischule neue ständige Ausstellungsräume. Zuvor wurden fast alle der knapp 500 ausgestellten Meisterwerke mit Hilfe namhafter Beiträge vieler Stiftungen und Sponsoren instandgesetzt und nach aktuellen wissenschaftlichen Maßstäben restauriert. Die Universität gab sich damit ein hervorragendes kulturelles Terrain zurück, das sie den Studierenden, Forschern und der Stadt Leipzig offenhält.

Perspektive

Mit dem Neubezug von Depoträumen für die Originalsammlung im Jahre 2001 wurden die Voraussetzungen für die schrittweise Erschließung der Bestände entscheidend verbessert. Der größte Nachholbedarf besteht derzeit noch beim Wiederaufbau der Gipsabguss-Sammlung. Nach über dreißig Jahren Einlagerung in einem ehemaligen Kohlenbunker konnte sie Anfang 1999 mit Unterstützung der Universität neue große Magazinräume beziehen. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung und die dringend erforderlichen Reinigungs- und Restaurierungsmaßnahmen sind sie bestens geeignet  und eignen sich unter Einschränkungen sogar schon für Übungen und Seminare.