Der Kalif als spätantiker Herrscher

Vorislamische Bildmotive in der visuellen Kultur der Umayyaden

Die Aneignung vorislamischer Bildmotive ist ein zentrales Charakteristikum der visuellen Kultur der Umayyaden. Die Umayyaden regierten von 661 bis 750 n. Chr., an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter, ein Großreich, das sich von Spanien im Westen bis an den Indus und die Grenzen Chinas im Osten erstreckte. Die Ausdehnung ihres Reiches spiegelt sich in ihrer Bildersprache wider, in der ikonografische Motive des griechisch-römisch-byzantinisch geprägten Mittelmeerraums ebenso wie des sasanidischen Ostens vereint sind. In meiner 2018 abgeschlossenen Habilitationsschrift, die ich derzeit zur Publikation vorbereite, stehen die Aneignungs- und Transferprozesse im Fokus, die zur Aufnahme dieser vorislamischen Bildmotive in die visuelle Kultur der Umayyaden führten: Welche Vorlagen bzw. welche genauen Motive übernahmen die Umayyaden, und worauf basierte ihre Auswahl? Wurden die vorislamischen Bildmotive im Laufe des Aneignungsprozesses verändert, und wenn ja, warum? 

Untersucht wird insbesondere, ob sich aus dem Aneignungsprozess Aussagen einerseits über das Verhältnis der Umayyaden zu ihren Vorgänger- und Nachbarkulturen, andererseits über die Selbstdarstellung der aristokratischen Auftraggeber und die Konstruktion einer umayyadischen Herrscheridentität ableiten lassen. Dazu werden Bauornamentik und Skulpturen aus Stein und Stuck, Holzschnitzereien, Wandmalerei und Mosaiken mit reichem figürlichem und ornamentalem Dekor aus der Umayyadenzeit analysiert. Diese Bildwerke stammen vor allem aus Moscheen und 'Wüstenschlössern', großen multifunktionalen Anlagen, im Kernland des Umayyadenreiches, dem heutigen Syrien, Jordanien, Palästina und Libanon, die – soweit nachvollziehbar – von Kalifen und ihren Familien errichtet wurden. Hinzukommen einige figürliche Münzbilder aus der Zeit vor der Münzreform Ende des 7. Jhs.

Die bildwissenschaftlichen Methoden der Klassischen Archäologie eignen sich dabei besonders gut, um die Bildwerke in Hinblick auf diese Fragestellung zu analysieren. Detailvergleiche der umayyadischen Bildwerke mit ihren möglichen Vorlagen zeigen auf, welche Aspekte der jeweils angeeigneten ikonografischen Motive die umayyadischen Auftraggeber und Entwerfer der Bilder besonders ansprachen. Außerdem lassen sich durch Vergleiche mit den möglichen Vorlagen die Neuerungen der Umayyadenzeit besser herausarbeiten, z. B. die Art und Weise, wie im Nahen Osten zuvor nicht bezeugte Motive sasanidischer Herkunft in die überwiegend griechisch-römisch-byzantinische Ikonografie eingefügt wurden. Durch Vergleiche mit anderen spätantiken Reichen wird zudem aufgezeigt, dass die Umayyaden in ihrer visuellen Kultur fester Bestandteil der Spätantike waren und über Jahrhunderte etablierte Repräsentationsschemata weiterverwendeten. Schließlich erlauben die Vergleiche mit den Vorlagen, mögliche Transferwege, über die die ikonografischen Motive in die Bildersprache der Umayyaden gelangten, zu identifizieren.

Katharina Meinecke