Schätze einer Bürgerstadt

Die Gemmensammlung des GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig: Ausstellungsprojekt unter studentischer Beteiligung

Die form- und farbenfrohen geschnittenen Edelsteine der Antike sind neben den Münzen die kleinsten Bildträger der Antike, und stellten nicht zuletzt dadurch geeignete Objekte für die Antikensammlungen seit der Renaissance dar. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie für die Gelehrten eine der wichtigsten Gattungen für das Studium antiker Kunst. Kein geringerer als Johann Joachim Winckelmann gestand ihnen sogar zu, Antike in einer besonders authentischen Form zu überliefern. Durch ihren Preziosencharakter hatten geschnittene Steine insbesondere in aristokratischen Sammlungen einen hohen Stellenwert. Aber nicht nur die europäischen Fürstenhöfe, sondern auch die Messe- und Universitätsstadt Leipzig, deren erste Erwähnung sich 2015 zum 1000. Male jährt, besaß eine umfangreiche Sammlung antiker Gemmen. Im 18. Jh. erwarb der Rat der Stadt Leipzig für 2000 Taler vom Hofrat Jacob Benedict Winckler eine Sammlung antiker Gemmen, die durchgehend im Besitz der Stadt war. Ihr größter Teil befindet sich heute im GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Ihre Existenz dürfte allerdings nur wenigen Interessierten bekannt sein. Dieses Schicksal teilen die Leipziger Gemmen mit den Beständen nahezu aller moderner Sammlungen, in denen sich der einstige Stellenwert dieser Gattung meist kaum mehr ablesen lässt. Aufgrund ihres äußerst geringen Formats von wenigen Zentimetern sind die eingeschnittenen Bilder nicht leicht zu erkennen und die Gemmen nur schwer besucherfreundlich auszustellen. Der überwiegende Teil dieser kleinen Schätze findet daher nur selten den Weg in die Ausstellungen. Ziel der Sonderausstellung ist es, diese faszinierende, vielfältige Gattung antiken Kunstschaffens dem Besucher zugänglich zu machen und adäquat zu präsentieren. Im Falle der Gemmen bieten dazu virtuelle Präsentationsmöglichkeiten nicht nur eine optisch auffällige Ergänzung, sondern auch einen inhaltlichen Mehrwert, wenn beispielsweise die kleinen Bilder in Vergrößerungen angesehen werden können.

Die Gemmen aus dem Bestand des GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig sind dazu in besonderer Weise geeignet, da sie bislang nicht in Gänze präsentiert werden konnten. Zugleich bietet die Sammlung des GRASSI Museum eine der wenigen bürgerlichen Sammlungen, die nahezu vollständig rekonstruiert werden können, da sich Abdrücke der Originale erhalten haben. Ein besonderes Glück ist, dass sogar die originale Aufbewahrungsart in einem kleinen Holzkabinett erhalten ist. Auf dieser Basis lässt sich nachweisen, dass im Verlauf der Sammlungsgeschichte einige Gemmen verkauft wurden und den Weg in die Antikensammlung in Berlin fanden. Sie sollen im Zuge der Ausstellung den Weg zurück nach Leipzig finden, so dass für diesen Zeitraum die Sammlung in großen Teilen wieder vereint werden kann. Mit der Wahl des Antikenmuseum in der Nikolaischule als Ausstellungsort schließt sich der Kreis zum Beginn der Erforschung antiker Gemmen und der Ausformung des heutigen Faches Archäologie, die den Gelehrten der Universität Leipzig wichtige Impulse verdankt.

Über die Präsentation bisher kaum gezeigten Materiales hinaus soll am Beispiel der Gemmen des GRASSI Museum zugleich der Anteil von Gemmen an der Bedeutung von Antike im 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert werden. Um ihre Wahrnehmung, Rezeption und Erforschung im Kontext eines Umfeldes einer kunstsinnigen Bürgerschaft differenziert beurteilen zu können, erfolgt die Präsentation der Gemmen im Kontext weiterer zeitgenössischer Aneignungsformen der Gattung in Form von Stichwerken und Daktyliotheken.Abgesehen vom inhaltlichen Fokus bietet das Ausstellungsprojekt die Möglichkeit, den Wissens- und Kompetenztransfer zwischen Universität und Stadt Leipzig zu intensivieren und über die Objekte eine gemeinsame, sinnfällige Außendarstellung im Stadtbild zu erreichen.

In Kooperation mit dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst, dem Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft: Mineralogisch-Petrographische Sammlung der Universität Leipzig, den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Antikensammlung sowie Gerhard Schmidt, Idar-Oberstein (Edelsteingraveur).

(J. Lang)