Materialität antiker Lebensstile. Wohnen in Pergamon zwischen hellenistischer Residenzstadt und römischer Metropole

In Kooperation mit der Pergamongrabung, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Istanbul

Als räumlich hochgradig konzentrierte urbanistische Einheiten ist der Bereich des Wohnens ein sensibler Indikator kultureller Entwicklungen. Denn er umfasst Räume, die ein von Akteuren unmittelbar gestaltetes Umfeld repräsentieren und an denen sich etwa in Form von materiellen Inventaren zahlreiche »kleinste Fakten« (S. Kracauer) aus dem antiken Leben erhalten haben. In Pergamon wurde erst mit Aufnahme der Stadtgrabung im Jahr 1973 der Blick dezidiert auf die »normalen Leute« (W. Radt) gelenkt. Durch die primäre Konzentration auf die Erforschung architektonischer Dispositionen einzelner Wohneinheiten wurden ihre Aussagepotenziale für die Rekonstruktion kultureller Entwicklungen aber bisher noch nicht systematisch ausgeschöpft. 

Hier setzt das vorliegende Projekt an. Es zielt darauf, in Erweiterung der bisher gewonnenen Einblicke in die urbanen Strukturen Pergamons die bisher bekannte Entwicklung des Stadtorganismus um eine akteurszentrierte, dezidiert auf die Ebene einzelner Wohnstrukturen und -prozesse ausgerichtete Untersuchungsperspektive zu ergänzen. Eine diachrone Betrachtung solcher akteursnahen Räume erlaubt in einer vergleichenden Perspektive nicht allein Aufschlüsse über persistente und veränderliche Elemente hinsichtlich individueller, sondern auch gruppenspezifischer Lebensstile. In Pergamon weisen zahlreiche Häuser ein breites Spektrum an räumlichen Umgestaltungen auf. Diese Gestaltungsprozesse auf der Ebene der Architektur sind vor dem Hintergrund der materiellen Kultur dieser Häuser zu reflektieren. Hier ist beispielsweise zu überlegen, in welchen Formen sich die politische Zugehörigkeit zu Rom ab 133 v. Chr. auf den unterschiedlichen Ebenen materieller Ordnungen des Wohnens niederschlug und welche Szenarien sich für den Umgang mit dem Erbe der hellenistischen Zeit während der römischen Kaiserzeit konkret nachweisen lassen. 

Die Rekonstruktion solcher Transformationsprozesse des Wohnens bedarf einer möglichst hohen Informationsdichte. Daher wird die materielle Alltagskultur Pergamons zwischen hellenistischer und römischer Zeit (300 v. Chr. und 300 n. Chr.) in den Blick genommen. Zum einen liegen für diesen Zeitraum hinreichend aussagekräftige Befunde vor, zum anderen deckt sich dieser Untersuchungshorizont mit dem Fokus des von der DFG geförderten Langfristvorhabens »Die Transformation der Mikroregion Pergamon zwischen Hellenismus und römischer Kaiserzeit«. Durch die Kooperation des vorliegenden Projekts mit dem Langfrist-vorhaben können die Ergebnisse in den größeren Entwicklungszusammenhang der Region eingebettet werden. Zugleich erweitern sie das gewonnene Bild um einen dezidiert nahsichtigen Blick, der im vorliegenden Projekt aus drei Perspektiven erfolgt.

Ausgangspunkt ist zunächst die Betrachtung von Angehörigen der gesellschaftlichen Elite. Dieser wird die Perspektive einer hinsichtlich der architektonischen Disposition wie auch Nutzungsfläche deutlich bescheideneren Wohnstruktur gegenübergestellt. Da die Evidenz gesellschaftlicher Konstellationen unterhalb der politisch aktiven Eliten nur selten ein differenziertes Bild zulässt, erfolgt nur eine relationale Bestimmung ex negativo. Die in dieser Perspektive in den Blick genommene soziale Konfiguration wird daher zunächst terminologisch als nicht-elitäres Wohnen festgelegt. Ein dritter Blick gilt schließlich dem Konsum- und Wegwerfverhalten. Aus dem Zusammenspiel dieser drei Perspektiven ergibt sich die Erfassung eines möglichst breiten Spektrums von Objekten unterschiedlicher pergamenischer Alltagskulturen in ihren jeweiligen kontextuellen Rahmungen. Die Berücksichtigung dieser Blickwinkel zielt darauf, Lebensstile unterschiedlicher sozialer Konfigurationen in Pergamon zu erfassen. 

Als konkrete Ausgangspunkte für diese Perspektiven wurden drei Fallbeispiele identifiziert, die einer systematischen Auswertung hinsichtlich Dokumentation der Ausgrabungen, Fundobjekten und kontextuellen Rahmungen unterzogen werden: das Haus des Konsuls Attalos, ein kleines Peristylhaus westlich der Treppengasse sowie ein Haus an der Ostgasse mit Zisternenbefunden.

Sie repräsentieren aufgrund ihres jeweiligen architektonischen Befunds und der Fundobjekte exemplarisch unterschiedliche Lebenstile. In ihrer Gesamtheit vereinen sie ein breites Spektrum an Erscheinungsformen und erlauben einen ganzheitlichen Blick auf die materiellen Alltagskulturen der Stadt. Indem in Gebrauch befindliche ebenso wie entfunktionalisierte Gegenstände in die Betrachtung einbezogen werden, berücksichtigen sie einen unterschiedlichen Umgang mit Objekten. In der Vorlage des Materials werden über die Vielfalt von Objektensembles und ihrer räumlichen Rahmungen mikrohistorisch angelegte Synthesen zur Materialität des alltäglichen Lebens in Pergamon zwischen Hellenismus und römischer Kaiserzeit (ca. 300 v. Chr. – 300 n. Chr.) formuliert. Dies bietet die Möglichkeit, die materielle Dimension der Gesellschaft Pergamons so in den Fokus zu rücken, dass auf Basis von Gleichförmigkeit und Divergenz materieller Inventare der Häuser ein exemplarischer Einblick in unterschiedliche Lebensstile gewonnen werden kann. Vor diesem Hintergrund treten im Spiegel des täglichen Lebens zugleich charakteristische Elemente der spezifischen Physiognomie einer pergamenischen Stadtkultur hervor.

Jörn Lang