Alltagsspuren römischer Bildpraxis. Kontrast und Komplementarität weiblicher Bildnisse zwischen Individualität und exemplum

Gefördert durch das Internationale Kolleg Morphomata. Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen

Bildnisse gehören zweifellos zu den Grundkonstanten menschlichen Formgebungswillens. Wenngleich sich die Anfänge des Phänomens kaum präzise greifen lassen, begegnen Darstellungen, die auf die bildliche Darstellung von Menschen zielen, seit der Antike. Sie sind spezifische Kategorien von Bild und damit eigenständige Erscheinungen, zeichnen sich jedoch durch einen konkreten Subjektbezug aus. Dieser kann sich in der potenziellen Abbildung von Personen, wie im Lateinischen die Verwendung des Begriffes imago impliziert (z. B. Plin nat. 35, 4), aber auch im Anspruch der Sichtbarmachung von menschlicher Individualität zeigen (z. B. Plin. nat. 35, 2, 9). Für die Antike spiegeln einerseits die literarische Überlieferung andererseits die materielle Hinterlassenschaft diese Sichtweisen deutlich wider. Als Möglichkeit der Darstellung besaßen Bildnisse bereits seit der griechischen Klassik einen festen Stellenwert, zielten von wenigen Ausnahmen abgesehen jedoch auf die Darstellungen von Männern als Protagonisten des öffentlichen Lebens. Seit der Zeit des Hellenismus wurden weibliche Personen zum Bestandteil des Erscheinungsbildes öffentlicher Plätze und erschienen im Kontext mit den hellenistischen Herrschern auch in der Münzprägung oder als Darstellungen in der Kleinkunst. Diese Tradition setzte sich im Imperium Romanum fort, in dem vor allem die Frauen des Kaiserhauses zwar keine institutionell verankerte Rolle besaßen, aber dennoch regelmäßig zur Darstellung kamen. Wenngleich sie nicht die Omnipräsenz des Kaiserbildes oder männlicher Mitglieder lokaler Eliten entfalteten, waren weibliche Bildnisse seit der Zeit der späten Republik regelmäßig präsent, in politisch geprägten, öffentlichen ebenso wie in sakralen oder häuslichen Kontexten.

In der Forschung wurde die antike Bildnisrepräsentation in ihrer gesamten Breite, von den Fragen nach den Anfängen, über das Verhältnis von Bildnis und Individuum, bis hin zu den unterschiedlichen Repräsentationsformen und gesellschaftlichen Funktionen untersucht. Während lange Zeit vor allem der mimetisch-abbildende Charakter der Bildnisplastik betont und diese somit als geeigneter Zugang zu individuellem Aussehen und Charakter von Menschen der Vergangenheit angesehen wurde. In diesem Zusammenhang dienten insbesondere die rundplastischen Bildnisse sowie die offiziellen Zeugnisse der Münzprägung als Basis der Argumentation, Werke der privaten Kleinkunst fanden dagegen kaum Berücksichtigung. Dadurch konnten zentrale mediale Ausformungen des Phänomens Bildnis im Kontext der römischen Gesellschaft beleuchtet werden, wurden zugleich jedoch auf den Bereich der Wirkung offizieller Bildnisse bzw. Bildnisse im öffentlichen Raum eingeengt. Potenzial für eine Erweiterung dieser Perspektive bergen insbesondere Objekte aus dem Bereich der Alltagskultur, da sie einen Blick auf die Divergenz rezeptiver Mechanismen der Darstellungsprinzipien von »Bildnis« in der römischen Gesellschaft abseits öffentlicher Räume erlauben. Zugleich erweitern sie die Sensibilität für die materiellen und funktionalen Bedingtheiten von Bildnissen und ihrer Wahrnehmung in unterschiedlichen Konfigurationen der sie umgebenden Welt, in der Kategorien wie »Bildnis« selbst als Bestandteil sozialer Praktiken immer wieder neu ausgehandelt wurden.

An diesem Punkt setzt das Projekt an. Es geht von einem Bildnisbegriff aus, der sowohl die Möglichkeit mimetischer Darstellungen in Sinne einer konkreten menschlichen imago als auch die Konstruktion von exempla im menschlichen und durch das menschliche Abbild selbst zulässt. Als Fallstudie konzipiert soll untersucht werden, wie weibliche Bildnisse in alltägliche Praktiken eingebunden waren und jenseits festgeschriebener räumlicher Wahrnehmungskontexte in unterschiedlichen Bereichen und sozialen Konfigurationen als Alltagsbilder wirkten. Aufgrund ihrer Mobilität bieten die geschnittenen Steine dazu einen geeigneten Ausgangspunkt. Auf ihnen traten Bildnisse ab dem 3. Jh. v. Chr. auf und besaßen ab dem 1. Jh. v. Chr. einen festen Stellenwert, so dass sich die Entwicklung bis in die Zeit der Severer nachzeichnen lässt. Die Untersuchung wird bewusst auf die Gruppe der weiblichen Bildnisse – identifizierbare Darstellungen aus dem Umfeld der familia Caesaris ebenso wie weibliche, unbenannte Frauen mit Modefrisuren – fokussiert, da für diese eine systematische, diachrone Betrachtung bisher fehlt. Ebenso wenig wurden bisher funktionale Aspekte konsequent berücksichtigt, die hier in Form der Siegeldepots einbezogen werden. Die Basis der Untersuchung wurde durch die umfassenden Materialvorlagen in Form von Katalogen insbesondere europäischer Sammlungen und der zunehmenden Veröffentlichung von geschnittenen Steinen aus Fundkontexten erheblich erweitert. Zudem liegen für diese Gruppe systematische Untersuchungen zur öffentlichen Repräsentation ebenso wie ein literarisch überlieferter Tugendkanon vor, so dass weibliche Bildnisse im Spiegel von als Text ebenso wie als Bild formulierten Vorstellungen und vor dem Hintergrund der Eigenheiten von geschnittenen Steinen als Bildnisträgern in den Blick genommen werden können.

Jörn Lang